Ausgabe Nr. 95/5 vom 15. Oktober 1995 (Hochschulpolitik, S. 1)
(red.) Die Verbesserung der universitären Lehre, wie sie in der aktuellen Diskussion immer wieder angemahnt wird, erfordert nicht nur Anstrengungen auf seiten der Lehrenden, sondern auch ein verstärktes Engagement der Studierenden. Das betonte der Präsident der Universität Osnabrück, Prof. Dr. Rainer Künzel, zur Begrüßung der neuen Studienanfänger im Wintersemester 1995/96. Der Präsident sagte wörtlich vor über 1.000 Studierenden, die zum Semesterauftakt am 4. Oktober 1995 in die Osnabrücker Stadthalle gekommen waren: "Lehre ist keine Einbahnstraße." Ohne den Beitrag der Studierenden, die sich selbst um Erkenntnisgewinn bemühen und den Mut und die Fähigkeit zu Kritik und intellektueller Neugier mitbringen müßten, könne das Studium an einer Universität nicht erfolgreich abgeschlossen werden.
Prof. Künzel: "Es mag sein, daß sich einzelne
Mitglieder eines Lehrkörpers zu sehr über die
Forschung definieren und ihre Aufgabe in der Lehre daher nicht
ernst genug nehmen. Auf der anderen Seite darf aber nicht
übersehen werden, daß gerade die universitäre
Lehre von der Forschung lebt und von ihren Prinzipien
geprägt wird." Im Idealfall bildeten Forschung und Lehre
eine Einheit, in der Lehren und Lernen als aktive Teilnahme am
Forschungsprozeß konzipiert seien.
Der Uni-Präsident verwies in diesem Zusammenhang auf die
immer wieder geäußerte Kritik, die heutige
Studentengeneration sei viel zu passiv und orientiere sich in
ihrem Studium allein an den Anforderungen der Studien- und
Prüfungsordnungen. Prof. Künzel: "Passivität und
Konsumhaltung sind sicher kein Charakteristikum der
Studierenden, sondern viel eher eine allgemeine
Zeiterscheinung." Eine solche Haltung "demontiere" allerdings
die individuellen Chancen, die ein Studium biete. Der
Uni-Präsident forderte die Studierenden auf, mit
Eigeninitiative und Eigenverantwortung zum Diskussionspartner
der Lehrenden zu werden und sich so wichtige Kompetenzen
für das spätere Berufsleben zu erwerben.
Prof. Künzel: "Die Qualifikation, die die Studentinnen und
Studenten von einer Universität erwarten können,
zielt allerdings nicht auf eine unmittelbar berufsbezogene
Ausbildung." Es gehe nicht darum, berufsfertige Spezialisten
heranzuziehen, sondern vielmehr um die Ausbildung kreativer,
flexibel einsetzbarer Generalisten. "Unsere Absolventen sollen
Fachkompetenz, Selbständigkeit, Kritikfähigkeit,
analytisches Denkvermögen und Kommunikations- und
Kooperationsfähigkeit erwerben."
Der Uni-Präsident wandte sich zugleich dagegen, die Dauer
des Studiums zum alleinigen Erfolgsmaßstab der Ausbildung
zu machen. "Der spezifische Charakter eines universitären
Studiums erlaubt keine beliebige Reduktion der Studiendauer.
Schöpferische Arbeit - und dazu gehören auch
Wissenschaft und Studium - braucht Zeit", betonte Prof.
Künzel.