Ausgabe Nr. 95/6 vom 1. Dezember 1995 (Forschung, Lehre, Studium, S. 5)
(red.) Slipeinlagen, Tampons und Baby-Windeln: Der moderne
Mensch der westlichen Industrienationen hat Reinlichkeit und
Hygiene gleich neben Schönheit und Reichtum zu den
obersten Lebensprinzipien erkoren. Für ihn sind Produkte
dieser Art aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Was kaum
mitbedacht wird: Hygiene-Artikel sind zugleich eine erhebliche
Belastung für die Umwelt. "Als Einwegprodukte - das liegt
in der Natur der Sache - landen sie nach einmaligem Gebrauch
sofort auf dem Müll. Was aber viel gravierender ist: Diese
Artikel werden heute fast ausschließlich aus
Erdölprodukten synthetisch hergestellt und können auf
natürlichem Wege nicht abgebaut werden", sagt der
Osnabrücker Chemiker Prof. Dr. M. Dieter Lechner. Dabei
gehören diese Kunststoffe zu "den Produkten mit den
höchsten Wachstumsraten in der chemischen Industrie", so
der Wissenschaftler, der am Fachbereich Biologie/Chemie der
Universität Osnabrück lehrt und forscht.
Das Ziel von Prof. Lechner und seinen beiden
Projektmitarbeitern, dem Diplom-Chemiker Waldemar Lazik und dem
Diplom-Physiker Wolfgang Nierling, ist es daher, anstelle von
synthetischen Kunststoffen nachwachsende Rohstoffe zu testen
und so zu kombinieren, daß sie für die Produktion
von Einwegartikeln im Hygienebereich genutzt werden können
- Wegwerf-Windeln aus der Stärke von Weizen, Mais oder
Kartoffeln, Damenbinden oder Krankenbetteinlagen aus der
Cellulose von Holz oder Baumwolle. Mit 630.000 Mark wird die
Deutsche Bundesstiftung Umwelt dieses Projekt in den kommenden
drei Jahren fördern.
Grundlage der Hygiene-Artikel bilden derzeit "wasserliebende"
Kunststoffe, sogenannte hydrophile Polymere (griechisch: poly =
viel, meros = Teil), die die Eigenschaft besitzen, große
Mengen Flüssigkeit schnell binden zu können, ohne
sich - auch unter Belastung - aufzulösen. Prof. Lechner:
"Sie quellen in diesem Fall zu einem körnigen Gel auf, das
die Flüssigkeit fest einschließt. Zugleich
können Kunststoffe dieser Art, die in der Fachsprache
Superabsorber genannt werden, Ammoniak binden, das beim Abbau
von Körperflüssigkeiten entsteht, unangenehm riecht
und das die Haut stark reizt." Über 200.000 Tonnen
Superabsorber werden nach Angaben des Osnabrükker
Wissenschaftlers jedes Jahr - bis auf wenige Ausnahmen -
künstlich hergestellt, davon rund 70.000 Tonnen in
Europa.
Für die Produktion umweltschonender Superabsorber aus
nachwachsenden Rohstoffen setzen die Chemiker auf
Polysaccharide. Zu den bekanntesten gehören neben
Stärke und Cellulose auch Pektine, die in Äpfeln oder
Citrusfrüchten vorkommen. Gebaut aus langen Ketten
einfacher Zuckereinheiten, sind sie ebenfalls Polymere,
allerdings natürlichen Ursprungs, und besitzen damit
bereits, so Prof. Lechner, "stark wasseranziehende
Eigenschaften". Ihr Nachteil: Bei zu viel Flüssigkeit
zerfallen sie in ihre Bestandteile, und der Aufsaug-Effekt geht
verloren.
Wie Waldemar Lazik erläutert, soll dieses Problem durch
unterschiedliche Vernetzung verschiedener Polysaccharide
ausgeglichen werden, wobei die Wissenschaftler bei dem
Vernetzungsprozeß ausschließlich nicht-toxische
Substanzen einsetzen wollen. "Zugleich müssen wir eine
Reaktionsmethode entwickeln, die möglichst effektiv und
damit kostengünstig ist." Weitere Voraussetzung für
einen erfolgreichen Einsatz von Polysacchariden: Die Rohstoffe
müssen, so der Chemiker, von unerwünschten
Begleitstoffen gereinigt werden.
Als weniger problematisch wird dagegen die Bereitstellung
ausreichender Rohstoffmengen angesehen. Prof. Lechner: "In der
Bundesrepublik einschließlich der neuen Bundesländer
besteht im Zuge der europaweiten Stillegung von
Agrarflächen ein ungenutztes Flächenpotential von
vier bis fünf Millionen Hektar, das nach Schätzungen
von Experten zu rund einem Viertel für die Erzeugung
nachwachsender Rohstoffe herangezogen werden
könnte."
Dabei ergibt sich nach den Worten der Osnabrücker
Wissenschaftler ein weiterer positiver Effekt für die
Umwelt: Der Ausstoß von rund einer Million Tonnen des
für den Treibhauseffekt verantwortlichen Kohlendioxids
(CO2) läßt sich jedes Jahr vermeiden, wenn die
Industrie bei der Produktion von Hygiene-Artikeln auf
nachwachsende Rohstoffe setzt. Das Team ist daher
überzeugt: "Auch wenn Entwicklungsprobleme und ein
größerer Herstellungsaufwand zu erwarten sind,
können auf diesem Weg die Umwelt entlastet und die
Ressourcen geschont werden."