Ausgabe Nr. 96/1 vom 1. Februar 1996 (Internationales, S. 9)
Von Christoph Ehrenberg
Der Partnerschaftsvertrag zwischen den Universitäten
Twer und Osnabrück ist im Herbst 1992 unterzeichnet
worden. Seitdem hat der Austausch von Wissenschaftlern und
Studierenden kontinuierlich zugenommen. So waren 1995 45
Personen aus Twer an der Universität Osnabrück zu
Gast, während 32 Mitglieder unserer Hochschule Twer
besuchten. Möglich wurde dies vor allem durch das
TEMPUS-Programm der Europäischen Union (EU) und die
Förderprogramme des Deutschen Akademischen
Auslandsdienstes (DAAD).
Ziel von TEMPUS ist die Umgestaltung des Hochschulwesens in den
mittel- und osteuropäischen Reformstaaten durch gezielte
Hilfe der Hochschulen in Westeuropa. In sogenannten Joint
European Projects (JEP`s) wird unter anderem die Entwicklung
moderner Lehrpläne, die technische Ausstattung von
Hochschulen und die Weiterbildung des Personals gefördert.
Seit 1990 haben 1.100 derartige Projekte eine
Gesamtförderung von rund 835 Millionen DM erhalten. 1995
wurden weitere 300 Vorhaben von der EU-Kommission mit einem
Volumen von rund 223 Millionen DM bewilligt. Mit sieben
Projektbeteiligungen liegt Osnabrück im Spitzenfeld der
deutschen Hochschulen. Dies ist wesentlich der Arbeit des
Akademischen Auslandsamts unter der Leitung von Barbara Schluck
zu verdanken.
In Twer hilft die Uni Osnabrück im Rahmen des
TEMPUS-Programms insbesondere beim Aufbau einer
Technologie-Kontaktstelle und eines International Office sowie
bei der Einrichtung eines Studentenwerks. In Twer wurde
allgemein bedauert, daß das letztgenannte Projekt nicht
weiter gefördert wird. Allerdings konnten die Teilnehmer
aus Twer bereits in der ersten Phase wichtiges Know how
erwerben, das für die künftige Entwicklung auch ohne
weitere Unterstützung der EU hilfreich sein dürfte.
Nächster wichtiger Schritt beim Aufbau der
Technologie-Kontaktstelle ist die Durchführung eines
Symposiums im Frühsommer 1996, bei dem die
Projektergebnisse vorgestellt werden.
Zu den Förderprogrammen des DAAD: Die Universität
Twer ist - federführend betreut vom Osnabrücker
Auslandsamt - derzeit in den beiden Programmen "Germanistische
Institutspartnerschaft" und "Ostpartnerschaften" vertreten.
Letzteres zielt insbesondere auf die Förderung der
wissenschaftliche Zusammenarbeit. Hier sind vor allem die
Kooperationen in den Fachgebieten Chemie, Geographie,
Mathematik, Ökologie und Biologie und die enge
Zusammenarbeit zwischen den beiden
Universitätsbibliotheken hervorzuheben.
Die "Germanistische Institutspartnerschaft" besteht seit 1994.
Sie wird weiter vom DAAD unterstützt, so daß auch
1996 Stipendien für Studierende, Graduierte und
jüngere Wissenschaftler des Fachgebietes Germanistik
für einen Studien- oder Weiterbildungsaufenthalt in
Osnabrück zur Verfügung stehen. Die Mittel
können aber unter anderem auch zur Finanzierung von
kleineren Geräten eingesetzt werden.
Drei Jahre Partnerschaft waren für die Universität
Twer Anlaß zu einem Rückblick und Ausblick im
festlichen Rahmen. Die offensichtlichen Erfolge des Austausches
zwischen beiden Universitäten sollten Ansporn für
weitere Bemühungen sein. Völlig offen ist allerdings,
was dem Ende des TEMPUS-Programms geschieht.
Ein - wenn auch nur kurzer - Besuch in Rußland bietet dem
westlichen Besucher einen immerhin schlaglichtartigen Eindruck
von der gegenwärtigen Situation in Rußland.
Häufig Gesprächsgegenstand sind die "neuen Russen" -
eine sehr dünne Schicht von Neureichen, die die Chance des
abrupten Übergangs von der staatlich reglementierten
Wirtschaft zum marktwirtschaftlichen Kapitalismus ergriffen
haben. Jeder weiß und spricht offen aus, daß dieses
einhergeht mit Korruption in erheblichem Ausmaß und
Mafia-ähnlichen Strukturen. Auf der anderen Seite
schreitet der Verarmungsprozeß der großen Mehrheit
der Bevölkerung immer noch fort. So erhalten die
Mitarbeiter der Universität Twer zur Zeit nur 60 Prozent
ihres Lohnes. Viele nehmen deshalb einen oder sogar mehrere
weitere Jobs an.
Es wird noch lange dauern, bis sich die Verhältnisse in
Rußland so weit stabilisiert haben, daß sich
für die russische Bevölkerung eine befriedigende
Perspektive bietet. Stabilität in Rußland liegt aber
auch im Interesse des Westens. Es wäre gut, wenn die
EU-Staaten dies bedenken und deshalb für eine
Verlängerung des TEMPUS-Programms sorgen würden.
Christoph Ehrenberg ist Kanzler der Universität Osnabrück.