Ausgabe Nr. 96/2 vom 15. April 1996 (Tagungen/Termine, S. 8)
(red.) Experten aus Wissenschaft und Praxis haben mehr "gesellschaftliches Engagement" angemahnt, um den Spiel- und Bewegungsbedürfnissen von Kindern in einer zunehmend technisierten und motorisierten Lebenswelt wieder mehr Geltung zu verschaffen. In einem Zehn-Punkte-Katalog fordern die Teilnehmer des Kongresses "Bewegte Kindheit", der im März an der Universität Osnabrück stattgefunden hat, unter anderem mehr Bewegungsmöglichkeiten in Kindergärten, die Öffnung der Schulen für neue Bewegungskonzepte und den Ausbau des Sportunterrichts auf mindestens drei Sportstunden wöchentlich.
Prof. Dr. Renate Zimmer, Osnabrücker
Sportwissenschaftlerin und Leiterin der dreitägigen
Veranstaltung: "Bewegung ist nicht nur ein Hobby, das bei
Bedarf im Sportverein betrieben wird. Spiel, Sport und
Spaß sind vielmehr Grundvoraussetzung für eine
gesunde körperliche und geistige Entwicklung der Kinder.
Schon jetzt ist ein großer Teil von
Verhaltensstörungen, Konzentrationsmängeln und
Haltungsschäden auf Reizüberflutung durch die Medien
und unzureichende Körper- und Bewegungserfahrungen von
Kindern zurückzuführen, und diese Entwicklung wird
sich in Zukunft noch weiter verschärfen."
Um grundsätzlich eine veränderte Einstellung zu Spiel
und Sport für Kinder zu erreichen, sprechen sich die
Kongreßteilnehmer auch für neue Ansätze in der
Ausbildung von Erziehern und Lehrern aus. Eine ganzheitlich
orientierte Bewegungserziehung müsse zu einem festen
Bestandteil im Lehrplan werden. Gleichzeitig sei es notwendig,
die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften, Institutionen und
Politik zu intensivieren, um die Belange von Kindern bei
bildungspolitischen und schließlich auch
stadtplanerischen Entscheidungen durchzusetzen.
Im Bereich der Stadtplanung ist es nach Ansicht der Experten
vor allem aber wichtig, nicht alle Lebensräume von Kindern
zu "gestalten". Prof. Zimmer: "Es werden zwar pädagogisch
anspruchsvolle Spielplätze gebaut, aber wir Erwachsenen
übersehen viel zu oft, daß der große
Sandhügel auf einer Baustelle oder ein verwildertes
Stück Garten hinter dem Haus häufig viel
interessanter und anregender ist." So fordert auch der
Zehn-Punkte-Katalog: "Die Umwelt muß den Bewegungs- und
Spielbedürfnissen von Kindern entsprechen und darf nicht
allein erwachsenengerecht sein."
An dem Kongreß "Bewegte Kindheit" haben insgesamt rund
1.700 Wissenschaftler, Erzieher und Pädagogen aus der
gesamten Bundesrepublik teilgenommen. Veranstaltet wurde die
Tagung vom Fachgebiet Sport/Sportwissenschaft der
Universität Osnabrück in Zusammenarbeit mit der
Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung haltungs- und
bewegungsauffälliger Kinder und Jugendlicher.