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Zeitung Universität Osnabrück

Ausgabe Nr. 96/2 vom 15. April 1996 (Tagungen/Termine, S. 9)

Gewalt gegen Frauen: Vernetzte Hilfe in der Diskussion

Neue Hilfsstrategie Schwerpunktthema einer Fachtagung - Wie kann das "Osnabrücker Modell" aussehen?

(red.) In einer Gemeinschaftsinitiative von Stadt und Universität Osnabrück hat Anfang März eine Aktionswoche stattgefunden, mit der das Thema der alltäglichen "Gewalt gegen Frauen" verstärkt in die Öffentlichkeit getragen werden sollte. Bestandteil der Reihe war eine interdisziplinäre Fachtagung an der Universität: Unter der Beteiligung von Fachkräften aus Justiz und sozialen Einrichtungen wurden hier unter dem Stichwort "Vernetzte Intervention" kommunale Strategien der Hilfe diskutiert. Der Osnabrücker Strafrechtler Prof. Dr. Hero Schall und Dr. Carol Hagemann-White, Professorin für Frauenforschung an der Universität Osnabrück: "Eine wirksame Ächtung von Gewalt verlangt, daß sowohl die Einrichtungen der sozialen und feministischen Hilfe als auch die Justiz und die Polizei eingreifen: Gewalt von Männern gegen Frauen darf kein Kavaliersdelikt mehr sein. Gefordert ist eine Intervention, die zeitlich, inhaltlich und organisatorisch zwischen den einzelnen Institutionen abgestimmt ist, die die betroffene Frau schützt und die den Mann zugleich für sein gewalttätiges Handeln zur Rechenschaft zieht." Über die Aktionswoche berichtet eine Teilnehmerin.

Von Cordula Weißköppel

Im Eröffnungsvortrag zur Aktionswoche stellte die Juristin Dr. Susanne Baer von der Freien Universität Berlin die Grundgedanken von vernetzter Intervention vor und veranschaulichte diese am "Berliner Interventionsmodell gegen Gewalt im häuslichen Bereich" (BIG), an dem sie selbst mitarbeitet. Vor dem Hintergrund der bisher relativ geringen Erfolge, Gewalt gegen Frauen wirksam verfolgen und bekämpfen zu können, zielt diese Strategie darauf ab, eine systematische Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen sozialen und staatlichen Einrichtungen und Institutionen zu entwickeln. Dabei bleibt der Schutz und die Stärkung von Frauen, die Opfer von männlicher Gewalt geworden sind, oberstes Gebot eines solchen Bündnisses.
Um dieses Ziel einlösen zu können, müssen aus juristischer Perspektive die Maßnahmen für eine konsequentere Strafverfolgung verbessert werden. Dr. Baer plädierte für einen pragmatischeren Umgang mit dem Recht, um vorhandene Auslegungsspielräume im Straf-, Verwaltungs- und Polizeirecht im Interesse der betroffenen Frauen stärker zu nutzen. Als weiteres Aufgabenfeld skizzierte die Juristin die Sensibilisierung der Verwaltung, der Staatsanwaltschaft und der Polizei. Da Polizisten auch häufig erste Ansprechpartner der Opfer sind, muß hier für eine vertrauensvolle Betreuung und einen besseren Informationsfluß über Hilfsangebote für die Betroffenen gesorgt werden.
In der Diskussion skeptisch bewertet wurde die Forderung nach dem sogenannten "Tätertraining". In der Arbeit mit bereits verurteilten Tätern sollen bei dem Berliner Modell konkrete Techniken der Kanalisierung von gewalttätiger Aggression trainiert werden. Nach Angaben von Dr. Baer ist jedoch noch offen, wer diese Arbeit bezahlt und welche Institution sie überhaupt ausführen kann. An der ungeklärten Finanzierung setzte auch die generelle Kritik einer Mitarbeiterin eines Osnabrücker Frauenhauses an: Angesichts der begrenzten Mittel werde durch zusätzliche Maßnahmen der Konkurrenzdruck geschürt, der die lokale Frauen- und Mädchenarbeit in ihrer Existenz bedrohe. Wie die Referentin entgegnete, muß es primär um die effektivere Nutzung bereits vorhandener Ressourcen nach dem Motto: "Gemeinsam sind wir stark, erst recht, wenn wir vernetzt sind!" gehen.
Wie kann die vernetzte Intervention in Osnabrück realisiert werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Fachtagung an der Universität, an der zahlreiche Experten aus der freien und institutionalisierten Frauenarbeit sowie Vertreter der Staatsanwaltschaft, der Justiz und der Polizei, der öffentlichen Einrichtungen sowie des Gesundheitsamts und verschiedener Beratungstellen teilnahmen. Zunächst informierten die Organisatoren über bereits bestehende Modelle in den USA und in Deutschland und über die rechtlichen Grenzen und Möglichkeiten vernetzter Intervention. Im Zentrum stand dann der intensive Austausch in interdisziplinären Arbeitsgruppen über Wünsche und eigene Beiträge zu einem "Osnabrücker Modell". Die anschließend gemeinsam diskutierten Forderungen reichten von einem Ausbau der Hilfsangebote für Frauen, die sich aus Gewaltbeziehungen befreien wollen, über eine verstärkte Einstellung von Polizistinnen bis hin zu Beratungsangeboten für potentielle Täter. Aus dem Teilnehmerkreis wurde auch die Einbeziehung von Migrantinnen in die gemeinsame Arbeit angemahnt - mit Blick auf ihre rechtlich besonders schwierige Situation eine notwendige Erweiterung des Spektrums.
Nach der konstruktiven Diskussion begrüßten die Teilnehmer die Einrichtung eines "Runden Tisches". Zur Konstituierung der Gesprächsrunde werden die Frauenbeauftragte der Stadt Osnabrück und das Gesundheitszentrum einladen. Zudem werden Verlauf und Ergebnisse der Aktionswoche von der universitären Vorbereitungsgruppe in einer Dokumentation zusammengefaßt.

Cordula Weißköppel ist Doktorandin im Graduiertenkolleg "Migration im modernen Europa".


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