Ausgabe Nr. 96/2 vom 15. April 1996 (Hochschulpolitik, S. 3)
(red.) Die Krise der öffentlichen Haushalte ist eine der Ursachen für den Ruf nach dem "schlanken Staat" und der "schlanken Verwaltung". Der Kanzler der Universität Osnabrück, Christoph Ehrenberg, sieht daneben aber auch inhaltliche Gründe: "In der deutschen Verwaltung haben wir einen Reformstau." So kämen zahlreiche neue Aufgaben auf die Verwaltungen zu, die mit den bisherigen Methoden und dem traditionellen Selbstverständnis des Verwaltungsbeamten und -angestellten kaum zu bewältigen seien. Für Osnabrück plant der Kanzler als Chef der Verwaltung daher in Abstimmung mit den Dezernaten eine Überprüfung der Organisationsstrukturen und der Arbeitsabläufe in der Zentralverwaltung durch ein Wirtschaftsberatungsunternehmen, das bereits Erfahrungen im Hochschulbereich gesammelt hat. Er folgt damit einem Auftrag des Senats, der im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Strukturkonzeptes für den Wissenschaftsbereich auch eine Evaluation der Verwaltung gefordert hat. Wir fragten nach:
Welche wesentlichen Hemmnisse sehen Sie, Herr
Ehrenberg, die es zu beseitigen gilt, um das Verwaltungshandeln
künftig effizienter und erfolgreicher zu
gestalten?
An erster Stelle ist das stetig angewachsene Dickicht von
Vorschriften und gesetzlichen Regelungen zu nennen, das
entrümpelt werden muß. Das gilt insbesondere
für den Personal- und Haushaltsbereich. Hier können
Entscheidungshierarchien abgebaut und Kompetenzen aus den
Ministerien an die Hochschulen verlagert werden. Die Kommission
des niedersächsischen Wissenschaftsminitseriums für
die Reform der Hochschulverwaltung, in der der Präsident
unserer Universität Mitglied ist, hat zum Thema
Verwaltungsvereinfachung Empfehlungen verabschiedet, die zum
Teil bereits umgesetzt worden sind. Dies gilt vor allem
für den beachtlichen Zuwachs an
Haushaltsflexibilität. Allerdings werden diese Teilerfolge
durch bürokratische Rückschläge in Frage
gestellt. Dazu gehört das Bundes-Jahressteuergesetz 1996
mit komplizierten Regelungen zur steuerlichen
Berücksichtigung der "Verpflegungsmehraufwendungen" bei
Dienstreisen. Ein grotesker Runderlaß vom Januar 1996
regelt den sogenannten Reformarbeitsmarkt in Niedersachsen. Bei
jeder Bezirksregierung wurde eigens eine Stelle eingerichtet,
die auf freiwerdenden Positionen in der Landesverwaltung
vorrangig "Reformopfer", also Mitarbeiter aus aufgelösten
oder verkleinerten Behörden unterbringen soll. Weitere
Hemmnisse sind zu lange Entscheidungswege in den Institutionen,
zu wenig Verantwortung für die einzelnen Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen und dadurch häufig mangelnde
Eigeninitiative.
In Niedersachsen läuft an drei Hochschulen der
Modellversuch zum Globalhaushalt. Die Hochschulen haben statt
eines Haushaltsplans einen Wirtschaftsplan und sind von der
kameralistischen zu einer kaufmännischen
Haushaltsführung übergegangen. Eröffnen
Globalhaushalt und Finanzautonomie die Spielräume für
mehr Wirtschaftlichkeit und einen erfolgsorientierten
Mitteleinsatz?
Im Zusammenhang mit der Diskussion um mehr Finanzautonomie sind
bereits einige allzu starre Prinzipien der Kameralistik
überwunden worden. So können Haushaltsmittel von
einem Haushaltsjahr in das nächste, aber auch von einem
Titel in einen anderen übertragen werden. Auf diesem Weg
müssen wir voranschreiten. Universitäten sind
außerordentlich komplexe Systeme und damit anders zu
steuern als reine Wirtschaftsunternehmen. Dem Modellversuch
verdanken wir wichtige Anstöße, eine reformierte
Kameralistik beinhaltet meines Erachtens jedoch bereits alle
Elemente, um interne Leistungs- und Kostenrechnungen zu
ermöglichen. Der Modellversuch ist vergleichsweise teuer
und hat nach meinem Eindruck für die notwendige interne
Umstrukturierung der Hochschulen bislang wenig bewirkt. Es kann
nicht darum gehen, alten Wein in neue Schläuche zu
füllen.
Die Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe in
der zentralen Verwaltung sollen von einem
Wirtschaftsberatungsunternehmen unter die Lupe genommen werden.
Welche Möglichkeiten zur Optimierung sehen Sie, und
welchen Beitrag erwarten Sie von den externen
Prüfern?
Die Universität Osnabrück hat als mittelgroße
Hochschule eine gute Betriebsgröße, um wesentliche
Verwaltungsleistungen zentral zu erbringen. Der Aufgabenkanon
für diese Leistungen steht fest. Es muß also bei
einer Evaluation vorrangig um zwei Fragen gehen: Einmal
gehören die oft historisch gewachsenen und zum Teil sehr
kleinen Organisationseinheiten auf den Prüfstand, und zum
anderen wollen wir gemeinsam mit Dezernaten und Stabsstellen
die Ablauforganisation überprüfen. Das Stichwort
für eine Optimierung könnte beispielsweise
"ganzheitliche Vorgangsbearbeitung" lauten.
Wir verfügen in der überwiegenden Mehrheit über
Verwaltungsmitarbeiter, die motiviert und engagiert arbeiten.
Eine integrierte Vorgangsbearbeitung würde ihnen mehr
Verantwortung übertragen. So läge zum Beispiel im
Personalbereich vom Freiwerden einer Stelle über
rechtliche Prüfungen und die Einstellung bis zur
Personalbetreuung das gesamte Verfahren in einer Hand. Ich
verspreche mir außer mehr Effizienz und Motivation durch
die größere Transparenz im Verwaltungshandeln eine
erhebliche Verbesserung der Kommunikation innerhalb der
Verwaltung und zwischen Verwaltung und Fachbereichen. Hier gibt
es zur Zeit deutliche Defizite.
Die Mitarbeiter sollten die Evaluation als Chance begreifen,
eigene Vorstellungen und Vorschläge einzubringen. Im
übrigen bin ich sicher: Die Studie wird bestätigen,
daß wir als Verwaltung deutlich besser sind, als es unser
Ruf manchmal vermuten läßt.