Ausgabe Nr. 96/3 vom 1. Juni 1996 (Forschung, Lehre,
Studium, S. 3)
(red.) Der Komponist Hans Werner Henze und die amerikanische Historikerin Natalie Zemon Davis werden die "Würde eines Doktors ehrenhalber" der Universität Osnabrück erhalten. Für die Vergabe dieser Auszeichnungen haben sich der Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften auf Initiative des Fachgebietes Musik/Musikwissenschaft sowie der Fachbereich Kultur- und Geowissenschaften und das Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit ausgesprochen. Der Präsident der Universität Osnabrück, Prof. Dr. Rainer Künzel, sagte dazu: "Die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den "politischen" Komponisten Henze und die engagierte Wissenschaftlerin Davis reiht sich ein in eine mehr als zehnjährige Tradition der Universität Osnabrück, Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik auszuzeichnen, die sich in besonderer Weise für Aufklärung, Verständigung und Versöhnung eingesetzt haben."
Der 1926 in Gütersloh geborene Hans Werner Henze
besuchte das Gymnasium in Bielefeld und die staatliche
Musikschule Braunschweig. 1944 wurde er zur Wehrmacht
eingezogen und geriet in englische Gefangenschaft. Seine
Studien setzte er 1945 am kirchenmusikalischen Institut in
Heidelberg fort, von 1946 bis 1948 lernte er Kompositionslehre
bei Wolfgang Fortner und später dann bei René
Leibowitz in Paris. Als musikalischer Leiter arbeitete Hans
Werner Henze 1948/49 am Deutschen Theater in Konstanz, von 1950
bis 1952 war er künstlerischer Leiter des Balletts am
Hessischen Staatstheater in Wiesbaden. 1960 wurde der
Komponist, der bereits 1953 seinen ständigen Wohnsitz nach
Italien verlegte hatte, ständiger Gastdirigent des
Berliner Philharmonischen Orchesters, von 1962 bis 1966
übernahm er die Meisterklasse für Komposition am
"Mozarteum" in Salzburg. Seit 1980 ist er Professor für
Komposition an der Kölner Musikhochschule.
Seine vielfältigen Kompositionen reichen von Sinfonien und
Streichquartetten über Klavier- und Violinkonzerte bis hin
zu Kantaten und Filmmusiken. Zu seinen wichtigsten
Schaffensbereichen gehört das Musiktheater, für das
er unter anderem Opern, Ballette und Bühnenmusiken
schrieb. Als wesentliche Beiträge sind hier, so der
Osnabrücker Wissenschaftler Dr. Stefan Hanheide, "Elegie
für junge Liebende" (1959/61), "Der junge Lord" (1964),
"We come to the River" (1974 bis 1976) und "Die englische
Katze" (1980/83) zu nennen.
Die Auszeichnung gelte einem weltweit anerkannten
Künstler, der in seinem nahezu fünfzigjährigen
Schaffen in fast allen kompositorischen Gattungen herausragende
und unkonventionelle Werke hervorgebracht habe. "Wie kaum ein
anderer Komponist hat sich Hans Werner Henze mit seinen Werken
dabei immer auch für Frieden und Menschenrechte und gegen
Gewalt, Unterdrückung und Fremdbestimmung eingesetzt",
heißt es in der Begründung des Fachbereichs
Erziehungs- und Kulturwissenschaften, der die
Ehrendoktorwürde im Oktober an Henze vergeben wird.
Die Historikerin Natalie Zemon Davis gilt in der Fachwelt als
engagierte Wissenschaftlerin, die nicht nur die Epoche der
Frühen Neuzeit in ein neues Licht gerückt, sondern
zugleich auch das analytische Verständnis aktueller
Probleme auf besondere Weise gefördert hat. "Sie
gehört zu den führenden Vertretern einer neuen,
interdisziplinär ausgerichteten Kulturgeschichte und hat
das Profil der aktuellen Forschungen zur Frühen Neuzeit
entscheidend geprägt", betonen der Fachbereich Kultur- und
Geowissenschaften und das Institut für Kulturgeschichte
der Frühen Neuzeit.
Natalie Zemon Davis wurde 1928 in Detroit geboren; sie stammt
aus einer jüdischen Familie. Seit 1977 lehrt sie an der
Princeton University Geschichte und leitet dort das Shelby
Cuttom Davis Center für historische Forschungen.
International bekannt wurde sie durch ihre Arbeiten zur
Reformationsgeschichte in Frankreich, zum Humanismus und zur
Frauenforschung. Eine Reihe ihrer Bücher liegen auch in
deutscher Übersetzung vor. Prof. Dr. Klaus Garber,
Direktor des Instituts für Kulturgeschichte der
Frühen Neuzeit: "Es ist für die Universität
Osnabrück eine besondere Ehre, eine Wissenschaftlerin von
diesem Rang auszeichnen zu dürfen." Der Festakt zur
Verleihung der Ehrendoktorwürde findet am Donnerstag, 4.
Juli 1996, um 18 Uhr in der Aula des Osnabrücker Schlosses
statt.