Ausgabe Nr. 96/3 vom 1. Juni 1996
(Hochschulpolitk/Forschung, Lehre, Studium, S. 1/2)
(red.) "Die Kognitionswissenschaft verfügt über das Potential, zu einer der zentralen Wissenschaftsdisziplinen der Zukunft zu werden", sagt der Computerlinguist und Künstliche Intelligenz-Forscher Prof. Dr. Claus Rollinger. Der Wissenschaftler ist Direktor des Instituts für Semantische Informationsverarbeitung an der Universität Osnabrück und Initiator eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Rundgesprächs, das Chancen und Perspektiven ausloten soll, die Kognitionswissenschaft als mögliches Schwerpunktfach an bundesdeutschen Hochschulen zu verankern. Dazu werden am 14. und 15 Juni 1996 ausgewiesene Experten aus der gesamten Bundesrepublik an der Universität Osnabrück erwartet. Im folgenden einige grundlegende Überlegungen zur Kognitionswissenschaft.
Von Claus Rollinger
Die Frage, unter welchen Bedingungen menschliche Erkenntnis
entsteht, hat die Gedanken der Menschen seit frühester
Zeit in Bann gehalten; sie ist immer wieder Gegenstand von
Philosophie und Wissenschaftstheorie gewesen. Erst in
jüngerer Zeit allerdings ist die Beschränkung allein
auf die menschliche Erkenntnis fortgefallen. Die Erforschung
intelligenter informationsverarbeitender Systeme, zu denen der
Mensch, das Tier, aber auch künstliche Systeme mit
kognitiven Fähigkeiten gehören, ist seit einigen
Jahren Gegenstand eines Forschungsgebiets, das
Kognitionswissenschaft genannt wird.
Die Kognitionswissenschaft beschäftigt sich weniger mit
dem Inhalt einzelner kognitiver Leistungen, wie Denken, Sehen,
Lesen, Sprechen oder Hören, als mit den zugrundeliegenden
Strukturen und Prozessen, die diese Leistungen, seien sie nun
logischer, wahrnehmender oder motorischer Art, möglich
machen. Da zu ihrem Gegenstandsbereich so unterschiedliche
Themen wie das Funktionieren von Nervenzellen, die Verarbeitung
sprachlicher Information, die Entwicklung autonomer Systeme
(Roboter), aber auch neuronale und symbolische Lernverfahren
oder Operationen auf mentaler Ebene gehören, versteht sich
die Kognitionswissenschaft als ein interdisziplinäres
Arbeitsgebiet: Hier gehen die Sprachwissenschaft und die
Philosophie, die Neurophysiologie und die Biologie, die
Mathematik und die Informatik, die Psychologie und die Medizin
und der große Bereich der Gesellschaftswissenschaften
eine enge Verbindung ein. An die beteiligten Einzeldisziplinen
stellt dies hohe Anforderungen: Beispielsweise muß der
Kognitionswissenschaftler vertraut sein mit dem Computereinsatz
zur Simulation mentaler Prozesse. Theorien und Modelle wiederum
lassen sich nicht ohne eine psychologisch und neurologisch
plausible Grundlage entwickeln. Die Modellierung autonomer
Systeme setzt umfassende Kenntnisse über perzeptive
Fähigkeiten, wie zum Beispiel das Sehen, voraus. Sollen
diese Systeme über die natürlich Sprache gesteuert
werden, muß auch noch die Sprachanalyse hinzukommen. In
den USA gibt es schon zahlreiche Beispiele gelungener
Kooperation, aber auch in Deutschland beginnt man auf diese
Entwicklung zu reagieren. So werden inzwischen
kognitionswissenschaftliche Sonderforschungsbereiche,
Graduiertenkollegs und Studiengänge eingerichtet. Hier
sind Freiburg, Saarbrücken, Potsdam, Bremen und Hamburg zu
nennen. Besonders ist auf die 1994 gegründete Gesellschaft
für Kognitionswissenschaft und die Zeitschrift für
Kognitionswissenschaft hinzuweisen.
(red.) Prof. Dr. Ernst Pöppel vom Forschungszentrum Jülich gehört zu den Teilnehmern des Rundgespräches, das auf Initiative von Prof. Dr. Claus Rollinger (Osnabrück) die Perspektiven kognitionswissenschaftlicher Forschungsarbeit an Universitäten ausloten will. Prof. Pöppel wird zugleich als Festredner bei der Auftaktveranstaltung zu "Forschung erleben 1996" zum Thema "Zeit - Gehirn - Bewußtsein" sprechen. Die Veranstaltung, die am Freitag, 14. Juni 1996, stattfindet, steht unter dem Motto "Wissenschaft trifft Wirtschaft, Politik und Verwaltung".