Ausgabe Nr. 96/3 vom 1. Juni 1996 (Forschung, Lehre,
Studium, S. 5)
(red.) Er gilt unter seinen Kollegen als einer der "Pioniere der ökologischen Forschung in Deutschland": Prof. Dr. Helmut Lieth, der sich schon seit den fünfziger Jahren mit Fragen des Umweltschutzes beschäftigt und von 1977 bis zu seiner Emeritierung 1992 als Professor für Ökologie an der Universität Osnabrück lehrte und forschte, feierte Ende vergangenen Jahres seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß hatten das interdisziplinäre Institut für Umweltsystemforschung und der Fachbereich Biologie/Chemie Anfang Mai zu einer akademischen Feierstunde eingeladen. Festredner war der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ökologie, Prof. Dr. Wilhelm Kuttler.
Helmut Lieth wurde 1925 in Kürten im Rheinisch
Bergischen Kreis geboren. Er studierte in Bamberg und
Köln, wo er 1953 im Fach Botanik promovierte, und war
anschließend wissenschaftlicher Assistent am Botanischen
Institut in Köln und in Stuttgart-Hohenheim. Nach seiner
Habilitation 1960 führten ihn Forschungsaufenthalte und
Gastprofessuren nach Kanada, Venezuela, Kolumbien, Hawaii und
von 1967 an als Professor für Botanik an die University of
North Carolina (USA). 1973 kehrte Prof. Lieth für ein Jahr
in die Bundesrepublik zurück, wo er in der damaligen
Kernforschungsanlage Jülich und an der Universität
Bochum tätig war. 1977 wurde er schließlich an die
Universität Osnabrück berufen, an der er dann die
umweltbezogenen biologischen Forschungen aufbaute.
So gründete der in den Disziplinen Biologie, Chemie,
Physik und Mathematik ausgebildete Forscher zusammen mit den
Osnabrücker Wissenschaftlern Prof. Dr. Thomas Witte
(Fachbereich Wirtschaftswissenschaften) und Prof. Dr. Norbert
Müller (Fachbereich Sozialwissenschaften) 1983 die
fächerübergreifende Arbeitsgruppe
"Sozioökonomische und ökologische Systemforschung",
den Vorläufer des heutigen Instituts für
Umweltsystemforschung, und setzte sich maßgeblich
für die Einrichtung des bundesweit einmaligen Studiengangs
"Angewandte Systemwissenschaft" ein, der seit 1990 an der
Universität Osnabrück besteht.
Institutsdirektor Prof. Dr. Michael Matthies: "Helmut Lieth hat
sich schon zu einem Zeitpunkt mit ökologischen
Fragestellungen befaßt, als dies weder in der
Öffentlichkeit noch in der Forschung Thema war. Dabei
erkannte er sehr schnell, daß sich die komplexen
Umweltprobleme nur in der Verbindung von
naturwissenschaftlichen, ökonomischen und sozialen
Aspekten lösen lassen." Einen Schwerpunkt der
wissenschaftlichen Arbeit von Prof. Lieth bildete die
Entwicklung globaler mathematischer Modelle, die Aussagen
über die Wechselwirkungen von Klima, Vegetation und
Landnutzung ermöglichen. Die von der Arbeitsgruppe
Systemforschung durchgeführten anwendungsbezogenen
Forschungsprojekte wurden mit über 12 Millionen DM aus
Drittmitteln gefördert.
Wesentlicher Bestandteil seiner wissenschaftlichen Arbeit war
dabei immer auch die internationale Zusammenarbeit auf dem
Gebiet der Ökologie und des Umweltschutzes, um die er sich
seit seiner Emeritierung verstärkt kümmert. Unter
anderem initiierte Prof. Lieth die Kooperation mit russischen
Wissenschaftlern am Baikalsee in Sibirien. Die unter der Regie
von Prof. Lieth international erprobte Anpflanzung und Nutzung
von salzresistenten Pflanzen und deren Bewässerung mit
Meerwasser in Gebieten mit Süßwassermangel soll
jetzt Demonstrationsprojekt der Weltausstellung Expo 2000
werden. Prof. Matthies: "Aus dem Ausland, insbesondere aus den
USA und Lateinamerika, hat Prof. Lieth immer wieder neue Ideen
und Anregungen mitgebracht und sie in der akademischen Lehre
und Forschung vermittelt."
Zu den zahlreichen Veröffentlichungen des
Wissenschaftlers, der als Koordinator des Internationalen
Biologischen Programms in der Bundesrepublik tätig war und
sich unter anderem als Präsident der Internationalen
Gesellschaft für Biometeorologie und der Internationalen
Gesellschaft für Tropische Ökologie engagierte,
gehören der Weltklimaatlas und die erste
Produktivitätskarte der Erde, die 1964 erschienen ist.