Ausgabe Nr. 96/3 vom 1. Juni 1996 (Studentenwerk aktuell, S. 15)
Von Otto Kerll
In den vergangenen Jahren hat sich die finanzielle Lage der niedersächsischen Studierenden verschlechtert. Der Anteil von BAföG-geförderten Studentinnen und Studenten ist in Niedersachsen abermals deutlich gesunken. Den finanziellen Verlust kompensieren die Studierenden durch dauerhafte Erwerbstätigkeit während des Studiums. Diese Entwicklungen lassen sich aus der 14. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) ablesen. Zum zweiten Mal nach 1994 hat die Arbeitsgemeinschaft Niedersächsischer Studentenwerke das regelmäßig erscheinende Zahlenwerk speziell für ihr Bundesland ausgewertet.
Die 14. DSW-Erhebung basiert auf Datenmaterial aus dem
Sommersemester 1994, ihr Vorläufer bietet Zahlen aus dem
Jahr 1991. Die beiden Erhebungen wie auch die
Sonderauswertungen zeigen aus der Sicht der Studentenwerke
alarmierende Tendenzen: Die Hälfte aller Studierenden in
Niedersachsen muß, wie schon 1991, mit weniger als 1.200
DM im Monat auskommen, auch wenn den niedersächsischen
Studentinnen und Studenten im Monat durchschnittlich rund 1.242
DM zur Verfügung stehen. Damit schneiden sie im
übrigen schlechter ab als ihre Kommilitonen in den alten
Bundesländern insgesamt. Der "Normalstudierende", der sich
im Erststudium befindet, ledig ist und nicht bei seinen Eltern
wohnt, verfügt über durchschnittlich 1.343 DM im
Monat.
So ist es nicht verwunderlich, daß viele Studierende -
immerhin ein knappes Drittel in Niedersachsen und auch in den
alten Bundesländern insgesamt - mit den monatlichen
Einnahmen nicht hinkommen. Fast ein Zehntel der Studentinnen
und Studenten hat Schulden oder benötigt ein Darlehn, 22
Prozent der Studierenden verwenden ihre Ersparnisse. Im
studentischen Finanzierungsplan verliert dabei das BAföG
immer mehr an Bedeutung: Nur noch 31 Prozent der
niedersächsischen Studierenden erhalten diese
Förderleistungen, 1991 waren es immerhin noch 36 Prozent.
Im Bundesdurchschnitt sehen diese Zahlen noch düsterer
aus: Hier sank die Quote von 28 auf 24 Prozent. Insgesamt
finanziert das BAföG heute lediglich 16 Prozent des
durchschnittlichen monatlichen Budgets eines
niedersächsischen "Normalstudierenden", drei Jahre zuvor
lag der Anteil bei 23 Prozent.
Immer wichtiger werden im Gegenzug die Zuwendungen von Eltern
und die Arbeit neben dem Studium. Zwar stieg der
Finanzierungsanteil der Eltern am studentischen Monatsbudget
nur leicht von 38 Prozent auf 39 Prozent, aber immer mehr
Studierende in Niedersachsen müssen von ihren Eltern
unterstützt werden: Waren es 1991 71 Prozent, so sind es
inzwischen 78 Prozent.
Deutlich gestiegen ist auch die Notwendigkeit, sich das Studium
durch eigene Erwerbstätigkeit zu finanzieren. Mit einem
Anteil von 23 Prozent an der studentischen Finanzstruktur
(1991: 21 Prozent) ist die Erwerbsarbeit nun die
zweitwichtigste Einnahmequelle für die
"Normalstudierenden" in Niedersachsen, 1991 stand an zweiter
Stelle noch das BAföG. Waren 1991 noch 59 Prozent der
Studierenden erwerbstätig, so stieg die Quote 1994 auf 63
Prozent. 56 Prozent der niedersächsischen Studentinnen und
Studenten arbeiteten dabei während des Sommersemesters
1994 häufig oder laufend neben dem Studium, um sich ihren
Lebensunterhalt zu finanzieren (alte Bundesländer: 60
Prozent). Für die Hälfte der erwerbstätigen
Studierenden hat der Job keinen Bezug zum Studium. Die Zahlen
zeigen: Der Trend zum "Teilzeitstudium" nimmt weiter zu.
Aus der 14. Sozialerhebung des DSW und der Sonderauswertung
für Niedersachsen lassen sich eindeutige Forderungen
formulieren: Wenn fast ein Drittel der Studierenden schon jetzt
nicht mit den finanziellen Mitteln auskommt, die ihnen im Monat
zur Verfügung stehen, sind Maßnahmen wie
Studiengebühren oder Einschreibgebühren ganz klar
abzulehnen. Gebühren, welcher Art auch immer, werden nur
dazu führen, daß noch mehr Studentinnen und
Studenten arbeiten müssen, um ihr Studium finanzieren zu
können. Das wird zu einer weiteren Verlängerung der
Studienzeiten führen. Eine klare Absage erteilen die
niedersächsischen Studentenwerke auch den Plänen, das
BAföG zu verzinsen.
Otto Kerll ist Geschäftsführer des Studentenwerks Osnabrück.