Ausgabe Nr. 96/3 vom 1. Juni 1996 (Tagungen/Termine, S.
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(red.) "Meines Erachtens gehören die in und bei Barenau gefundenen Münzen zu dem Nachlaß der im Jahre 9 n. Chr. im Venner Moor zugrundegegangenen Armee des Varus." Zu dieser Schlußfolgerung kam der Historiker Theodor Mommsen in seinem Vortrag "Die Örtlichkeit der Varusschlacht", den er am 15. Januar 1885 vor der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin hielt. Mommsens Theorie, die auf einer scharfsinnigen Analyse der Münzfunde basierte, blieb jedoch nicht unwidersprochen. Erst die rund 2.400 römischen Funde, die gut 100 Jahre später von Archäologen bei Kalkriese im Landkreis Osnabrück freigelegt wurden, scheinen seine Überlegungen zu bestätigen. "Die erfolgreichen Grabungen haben dazu geführt, daß nun in einer breiten Öffentlichkeit die Frage diskutiert wird, inwieweit wir es mit der Hinterlassenschaft dieser kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen zu tun haben. Damit wächst allerdings auch die Gefahr, daß die Schlacht erneut zu einem germanischen Nationalaufstand gegen die römische Fremdherrschaft hochstilisiert wird. Solche nationalen, aber auch gewisse lokalpatriotische Interpretationen haben politische Brisanz", warnen der Osnabrücker Wissenschaftler Prof. Dr. Rainer Wiegels und sein Mitarbeiter Dr. Bernard van Wickevoort Crommelin vom Fachgebiet Alte Geschichte an der Universität Osnabrück.
Um diesen Tendenzen wissenschaftlich entgegenzutreten und
die Funde zugleich in einem größeren Zusammenhang
römisch-germanischer Geschichte zu analysieren, lädt
die Universität vom 2. bis 5. September 1996 zu einem
internationalen Kongreß mit Wissenschaftlern aus Belgien,
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den
Niederlanden, Österreich und der Schweiz ein. Geleitet
wird die Tagung von Prof. Wiegels und dem Osnabrücker
Kreis- und Stadtarchäologen Prof. Dr. Wolfgang
Schlüter, der für die Grabungen in Kalkriese
verantwortlich ist.
Als übergreifendes Thema des Kongresses haben die
Organisatoren "Rom, Germanien und die Ausgrabungen von
Kalkriese" gewählt. Prof. Wiegels: "Es geht uns nicht
ausschließlich um die Frage, inwieweit wir es bei den
Funden aus Kalkriese mit Spuren der Varusschlacht zu tun haben.
Funde und Befunde sind vielmehr eingebunden in vielfältige
Problemzusammenhänge der Geschichte in augusteischer Zeit.
Vor allem sollen Fragen der Provinz-, der Heeres- und der
Siedlungsgeschichte angesprochen werden. Dabei sind die
Ausgrabungen von Kalkriese für die historische Forschung
von einzigartiger Bedeutung, da vergleichbare
archäologische Spuren eines Kampfplatzes aus diesem
Zeitabschnitt gänzlich fehlen." Im Gegenzug erhoffen sich
die Osnabrücker Althistoriker und Projektleiter
Schlüter für die Fortführung des Projektes
Kalkriese wichtige Anregungen von den eingeladenen
Fachwissenschaftlern aus dem In- und Ausland.
Die insgesamt 34 wissenschaftlichen Vorträge des
Kongresses sind sechs Sektionen zugeordnet. In der ersten
Sektion sollen die Erkenntnisse von achäologischen
Befunden anderer Kampfplätze am Niederrhein, in den
Niederlanden und in Frankreich im Vergleich zu Kalkriese
erläutert und diskutiert werden. In der zweiten Sektion
mit dem Titel "Militaria der frühen Kaiserzeit" werden die
Wissenschaftler ausgewählte Fundstücke, unter anderem
auch aus frührömischen Lagern, vorstellen. Im
Mittelpunkt der dritten Sektion stehen die bereits von Mommsen
angeschnittenen Fragen der Münzfunde, die hier weiter
vertieft werden sollen. Um die Okkupation im rechtsrheinischen
Germanien unter Kaiser Augustus und die militärischen
Anlagen vom Hochrhein bis zum Niederrhein drehen sich die
Vorträge der vierten Sektion. Die Sektionen fünf und
sechs des Kongresses sind dann der politischen Situation in
Germanien und der augusteischen Germanienpolitik und
schließlich dem Thema "Germanisches Siedlungswesen und
Stammesstruktur" gewidmet. Damit soll versucht werden, auch die
"andere" Seite der am Geschehen Beteiligten zu
berücksichtigen. Der diesjährige Kongreß
schließt an ein erstes interdisziplinäres Kolloquium
an, das 1990 an der Universität Osnabrück
stattgefunden und sich mit den zahlreichen Mythen, Geschichten
und Dichtungen um Arminius, den Gegenspieler von Varus,
beschäftigt hat. Zum Nationalhelden "ernannt", beriefen
sich schließlich auch die Nationalsozialisten auf den
germanischen Heroen. "Heimatforscher", die den Ort der
Varusschlacht gefunden haben wollten, hatten Konjunktur. Schon
der Historiker Mommsen warnte vor einer Lokalforschung, die zu
seiner Zeit mit "beliebten patriotisch-topographischen
Zänkereien" geführt worden sei, erinnert Prof.
Wiegels. "Durch erheblich verbesserte methodische Verfahren und
Grabungstechnologien, das Zusammenwirken mit
naturwissenschaftlichen Teildisziplinen wie der
Archäobotanik, der Osteologie und der Bodenkunde und
schließlich die systematischen, wissenschaftlich
begleiteten Ausgrabungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke ist
die Altertumswissenschaft ein ganzes Stück über das
von Mommsen Geleistete hinausgekommen", sagen
übereinstimmend Prof. Wiegels und Prof.
Schlüter.
Der Kongreß, der sich zum Teil auch an die interessierte
Öffentlichkeit wendet, wird unterstützt vom
Landschaftsverband Osnabrück e.V., der Gesellschaft zur
Förderung der vor- und frühgeschichtlichen
Ausgrabungen im Osnabrücker Land und zwei Unternehmen.