Ausgabe Nr. 96/4 vom 10. Juli 1996 (Hochschulpolitik, S.
1/2)
Von Ute Langenbeck
Die inflationären Begriffe verkünden nichts Gutes:
Unterfinanzierung und Überlast auf der einen Seite,
Qualität und Effektivität auf der anderen, und als
vermittelndes Element die Evaluation. Was verbirgt sich hinter
den Schlagworten des Hochschulmanagements? Nichts weniger als
die Quadratur des Kreises. Nicht allein die
niedersächsischen Hochschulen stehen vor der Aufgabe, mit
weniger Geld auf höherem Niveau sowohl mehr Studenten
auszubilden als auch Spitzenforschung zu betreiben, die den
Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland stärken
soll. Aber in Niedersachsen ist die Lage besonders
dramatisch.
Das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und
Kultur soll 1997 450 Millionen DM einsparen, lautet eine
Vorgabe des Finanzministers in Hannover. Zur Diskussion stehen
die Fusion von Hochschulen, die Streichung von
Studiengängen, der Abbau von Personal im Umfang von mehr
als 200 Stellen pro Jahr über einen Zeitraum von zwei
Jahrzehnten. Die "Korrekturen" müßten so
einschneidend sein, daß die Hochschulen ihren Aufgaben
kaum noch verantwortlich nachkommen könnten.
Vor diesem besorgniserregenden Hintergrund hat die
Landeshochschulkonferenz (LHK) mit Ministerspräsident
Gerhard Schröder verhandelt und mit ihm die Vereinbarung
getroffen, daß die Hochschulen von weiteren Einsparungen
ausgenommen werden, wenn sie ein Strukturkonzept zur
Kostensenkung und Konzentration im Hochschulbereich entwickeln.
Die in diesem Prozeß erzielten Einspargewinne verdoppelt
das Land, die Mittel fließen dann in einen Fonds zur
Forschungsförderung und zur Sicherung der
Berufungsfähigkeit.
Die Hochschulen nehmen diese Aussagen ernst. Deshalb setzen sie
auf die gemeinsame Gestaltung der Strukturmaßnahmen mit
dem Wissenschaftsministerium. Wie die strukturellen
Veränderungen im einzelnen aussehen sollen, wird
Gegenstand weiterer Beratungen zwischen den Hochschulen, der
LHK und dem Ministerium sein. Die Untersuchungsfelder
kostensenkender und effizienzsteigernder Maßnahmen im
Hinblick auf Studienangebote, zentrale Dienstleistungen und
Verwaltung wurden bereits durch eine Lenkungsgruppe von LHK und
Ministerium abgesteckt. Entstanden ist eine umfangreiche Liste
mit Prüfaufträgen, mit der sich zahlreiche
Arbeitsgruppen bis zum nächsten Jahr
auseinandersetzen.
Allein: Ganz sicher kann man sich in diesem Verhandlungspoker
nie sein. Zu rasch ändern sich die vom Land vorgegebenen
ökonomischen Rahmendaten. Dafür nur ein Beispiel: Der
Rund-Erlaß des Finanzministers vom 25. Juni 1996 legt
fest, daß ab sofort die sächlichen
Verwaltungsausgaben im Haushaltsjahr 1996 um 20 Prozent
gekürzt werden. Für die Universität
Osnabrück bedeutet dies eine zusätzliche
Einsparauflage von rund 1,47 Millionen DM. Landesweit bedeutet
dies, daß selbst die erhofften strukturellen
Einsparergebnisse nicht ausreichen würden, um die vom
Finanzminister gerissenen Löcher wieder zu stopfen, und
von dem in Aussicht genommenen Forschungs- und Berufungsfonds
der Landesregierung bliebe dann nichts als die gute Idee.
Die hochschulinternen Bemühungen um grundlegende
Strukturkonzepte leben also mit dem Risiko einer nur kurzen
Halbwertzeit. Noch ehe die neuen Konzepte zwischen den
Beteiligten austariert werden können, droht der
zukunftsblinde Eingriff durch weitere Einsparauflagen.
Hiobsbotschaften sind nie auszuschließen. Dazu zählt
auch die Absicht der Landesregierung, Einschreibgebühren
einzuführen - von denen letztlich weder die Hochschulen
und erst recht nicht die Studierenden profitieren.
Die Öffentlichkeit nimmt davon noch kaum Notiz. Die Krise
der Hochschulen ist vor allem Sorgenkind der unmittelbar
Betroffenen. Immerhin: Der Ministerpräsident hat, folgt
man seinen Aussagen, den Ernst der Lage erkannt. Er hat die
Forschungsförderung neben der Wirtschaftsförderung zu
seinem vorrangigen Politikziel erklärt und operiert
gegenüber den Hochschulen mit dem Begriff der
antizyklischen Finanzpolitik zur Förderung von Hochschulen
und Wirtschaft. Die Hochschulen allerdings verlassen sich nicht
allein auf die Landesregierung: Sie suchen nach Partnern in der
Krise und appellieren auch an Wirtschaft und Verbände,
für Bestand und Entwicklung der Hochschulen Verantwortung
zu übernehmen.
Dr. Ute Langenbeck ist Geschäftsführerin der Landeshochschulkonferenz Niedersachsen.