Ausgabe Nr. 97/1 vom 10. Februar 1997 (Forschung, Lehre, Studium, S. 6)
Neues Standardwerk zur "Wissenschaft
von den Tieren"
Spezielle Zoologie: Erster Band über Einzeller und
Wirbellose -
Osnabrücker Wissenschaftler Herausgeber
Von Hans-Heiner Bergmann
Da hocken zwei gestielte Säcke von jeweils etwa einem Drittel Millimeter Länge auf einer Borste im Mundbereich eines Zehnfüßigen Krebses. Sie ernähren sich, indem sie aus dem Wasser winzige Nahrungspartikel herausfiltrieren. Das linke Tier enthält ein Weibchen mit Eimutterzelle, das rechte in einer Brutkammer ein kleines Männchen. Auf der Außenhülle sitzt bei jedem der beiden Organismen ein Zwergmännchen, das sich hier mit seiner Fußscheibe angeheftet hat. Die Tiere tragen den wohlklingenden Namen Symbion pandora. Sie zieren den Einband einer Publikation der Speziellen Zoologie, die der Osnabrücker Wissenschaftler Prof. Dr. Wilfried Westheide zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Reinhard Rieger von der Universität Innsbruck herausgegeben hat.
Symbion pandora ist erst vor kurzem entdeckt worden; es vertritt im System der Tiere eine neue Gruppe, die vielleicht eine gewisse Verwandtschaft mit den Moostierchen hat, und ist ein Beispiel dafür, wie schnell sich das Wissen in der Zoologie ändern kann. Immerhin sind heute 1,2 Millionen verschiedene Tierarten bekannt. Sie systematisch, überschaubar, lesbar und zumindest zum Teil auch lernbar dazustellen, ist ein kaum leistbares Unterfangen. Mit dem jetzt herausgegebenen ersten Band eines Lehrbuches der "Speziellen Zoologie", der sich auf über 900 Seiten mit Einzellern und Wirbellosen Tieren befaßt, haben die Herausgeber und 25 weitere Wissenschaftler als Bearbeiter für die einzelnen Tiergruppen Großes geleistet.
Sind die Beiträge streng nach gleichartigen Kriterien zusammengebracht, so ist das Werk gleichwohl liberal. Den Autoren wird genügend Raum gelassen für ihre eigenen Ansichten. Zuweilen stehen sich zwei Meinungen der systematischen Zuordnung oder Gliederung einer Tiergruppe diametral gegenüber; keine wird unterdrückt. Durchgängig ist zudem eine reiche und qualitätvolle Illustrierung mit Zeichnungen und Fotos, von denen viele von Wilfried Westheide stammen.
Fazit: Hier liegt ein modernes Lehr- und Lernbuch für Studierende, Zoologen und Neugierige vor, das einen neuen Standard setzt. Was zuvor der Wurmbach und dann der Siewing war, ist heute der Westheide-Rieger. Ein zweiter Band über die Wirbeltiere soll folgen.
Wilfried Westheide / Reinhard Rieger (Hg.): Spezielle Zoologie. Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere, Verlag Gustav Fischer, Stuttgart, Jena, New York 1996, 909 Seiten, 148 DM