Ausgabe Nr. 97/3 vom 10. Juni 1997 (Hochschulpolitik, S. 3)
(red.) Alle Jahre wieder: Mit dem mehrteiligen "Focus"-Ranking zu den Leistungen deutscher Universitäten ist die Diskussion über Sinn oder Unsinn derartiger Hitlisten in den Medien erneut öffentlich "hochgekocht". Wie schon zuvor bei "Spiegel" und "Stern" stehen sich die beiden Lager eher unversöhnlich gegenüber. Befürworter halten Rankings für wichtige Standortbestimmungen und fordern die Universitäten auf, sich selbstkritisch mit den (schlechten) Noten auseinanderzusetzen. Kritiker verweisen dagegen auf methodische Schwächen, fehlerhaftes Datenmaterial und unprofessionelles Vorgehen. "Richtig ist, daß sich die bisher vorgelegten Rankings vor allem durch ihre Mängel ausgezeichnet haben", urteilt der Präsident der Universität Osnabrück, Prof. Dr. Rainer Künzel. Dennoch sollten sich die Hochschulen der Bewertung nicht verweigern, meint der Vorsitzende der Landeshochschulkonferenz (LHK) Niedersachsen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Prof. Künzel: "Wir müssen uns bemühen, durch konstruktive Vorschläge auf die Qualität dieser ,Hitlisten' Einfluß zu nehmen." Dazu müßten zum einen sinnvolle Kriterien der Bewertung entwickelt und zum anderen die zugrundeliegenden Daten einheitlich erhoben und ausgewertet werden.
Das Ranking von "Focus" hat der Universität Osnabrück bisher in schöner Regelmäßigkeit eine Plazierung am unteren Ende der Bewertungsskala eingebracht. Das Magazin selbst schrieb zum Auftakt seiner Serie Mitte April: "Noch nie wurde die Leistung der deutschen Universitäten derart gründlich geprüft." Das Meinungsforschungsinstitut INRA befragte rund 1760 Professoren (im Schnitt zwei pro Fachbereich), mehr als 500 Personalchefs sowie 26.000 Studierende (durchschnittlich 31 pro Fachbereich). Während die Studierenden ihr Urteil zur Ausbildungssituation, etwa zur Qualität der Lehrinhalte, abgaben, nahmen die Hochschullehrer zu den Forschungsleistungen Stellung. Die Personalchefs hatten dagegen den Ruf eines Fachs zu beurteilen. In die Bewertung der zwanzig wichtigsten Studiengänge an 843 Fachbereichen flossen außerdem statistische Angaben ein, darunter das Verhältnis von Personal zu Studierenden. Der Umgang mit den Zahlen ist einer der zentralen Kritikpunkte am "Focus"-Ranking.
Die Angaben zum Personal etwa wurden ohne Hinweis auf Voll- oder Teilzeitbeschäftigung von den Hochschulen abgefragt. Das Planungsdezernat der Universität Osnabrück hakte angesichts der "unpräzisen Formulierungen" nach. Dezernentin Marie-Luise Jütte: "Rückfragen bei der ,Focus'-Redaktion ergaben, daß man dort noch keinerlei Vorstellung davon hatte, welche Daten der Untersuchung eigentlich zugrundegelegt werden sollten." In ihren Erläuterungen zu den im Dezember 1996 angelieferten Zahlen machte die Planungsdezernentin daher ausdrücklich auf den Unterschied von Stellenangaben und den davon stark variierenden Beschäftigtenzahlen aufmerksam.
Mit gutem Grund: Je nach Teilzeitvertrag lassen sich auf einer Stelle unterschiedlich viele Mitarbeiter für unterschiedlich lange Zeiträume beschäftigen. In unkommentierten Statistiken schlagen dann sechs Teilzeitverträge über zwei Monate besser zu Buche als eine Kraft, die ein ganzes Jahr lang gearbeitet hat. Meinungsforschungsinstitut und "Focus" ließen das Problem jedoch unberücksichtigt. Zwar rückte man von den Zahlen ab, die die Universitäten selbst geliefert hatten, doch auch bei den Recherchen in den statistischen Landesämtern wurde diese deutlichen Hinweise nicht berücksichtigt.
Problematisch ist auch das Vorgehen, beim Lehrpersonal nicht nur die hauptamtlich Beschäftigten, sondern auch alle nebenberuflich Tätigen in den Index Betreuungsrelation einzubeziehen - unabhängig von der Frage, ob und in welchem Umfang sie an der Lehre mitwirken. So werfen die Angaben zu nebenberuflichem wissenschaftlichen Personal, wozu unter anderem Gastdozenten und emeritierte und pensionierte Hochschullehrer ebenso gerechnet werden wie wissenschaftliche und studentische Hilfskräfte, an sich schon methodische Fragen auf. Marie-Luise Jütte: "Die vom Statistischen Bundesamt für 1994 herausgegebene Erhebung zum Personal an Hochschulen läßt Zweifel an der Aussagefähigkeit solcher Zahlen aufkommen."
In Bayern etwa beträgt das Verhältnis von haupt- und nebenberuflich Beschäftigten 21.000 zu 4.000, in Nordrhein-Westfalen aber stehen 36.500 nebenberuflichen Wissenschaftlern nur 28.000 hauptamtliche gegenüber. In Niedersachsen liegt das Verhältnis bei rund 2,2 zu 1. Große Differenzen gibt es auch innerhalb der Länder. An der Universität Lüneburg kommen auf 186 hauptamtliche Wissenschaftler 355 nebenamtlich beschäftigte Kollegen. In Göttingen liegt das Verhältnis bei 3.000 zu 2.300. Die Uni Osnabrück und die Uni Hannover weisen dagegen die nebenamtlichen Wissenschaftler nicht aus.
"Focus" hat zu diesen Problemen inzwischen Stellung genommen. Man habe die Lücken in den amtlichen Statistiken in Zusammenarbeit mit den Hochschulen geschlossen, heißt es in Teil vier der Serie. Für die Universität Osnabrück trifft dies nicht zu. Für die Ergänzung der Daten für die verschiedenen Fächer wurde ein derart kurzer Zeitraum eingeräumt, daß an eine "Nachlieferung" der Zahlen nicht zu denken war. Um so erstaunlicher die Selbsteinschätzung des Magazins, man habe "erstmals eine bundesweit vergleichbare Datenbasis geschaffen". Kritik äußern auch die Hauptadressaten des Rankings - die Studierenden. In einer Stellungnahme zu den Rechtswissenschaften bemängelt Robert Bondzio, Referent für Hochschulpolitik im Allgemeinen Studentinnen- und Studentenausschuß (AStA) der Universität Osnabrück, die eindimensionale Betrachungsweise. Besondere Lehr- und Forschungsfelder seien überhaupt nicht berücksichtigt worden. "Es ist doch bemerkenswert, daß ,Focus' an keiner Stelle den wirtschaftsrechtlichen Schwerpunkt des Fachbereichs oder das Institut für Europarecht ausweist, obwohl doch das Wirtschaftsrecht und das Europarecht von ,Focus' selbst als wichtigste Fachgebiete der Zukunft benannt werden."
Für wenig aussagekräftig hält der AStA auch die Befragung der Personalchefs, die bisher regelmäßig eine Null-Prozent-Bewertung für die gerade 20 Jahre alte Universität Osnabrück gebracht hat. Nicht die umsatzstärksten Unternehmen, sondern der Mittelstand sei in vielen Bereichen wichtigster Arbeitgeber der Absolventen. Die Befragung gebe daher nur ein "verzerrtes Bild der Wirklichkeit".
Die Rankings sind zur Zeit "Fremdkörper im System", meint dazu der Osnabrücker Uni-Präsident Prof. Dr. Rainer Künzel. "Die Medien bewerten unsere Arbeit, ohne die Arbeitsbedingungen wirklich zu kennen. Ihre Beurteilungen zielen ja auch nicht darauf, das Hochschulsystem zu verbessern. Ihnen geht es in erster Linie darum, ein Produkt zu verkaufen. Dabei setzen sie bei dem offensichtlich gewachsenen Bedürfnis einer breiten Öffentlichkeit an, sich mit Hilfe möglichst einfacher Orientierungsmarken in den komplizierten Verhältnissen des deutschen Hochschulsystems zurechzufinden." Hier seien auch die Hochschulen gefordert.
Vor allem das Daten-Problem läßt sich ohne die Mithilfe von Hochschul-Experten nicht lösen. Prof. Künzel: "Es reicht nicht aus, einfach nach laienhaftem Ermessen gebildete Indikatoren für eine Bewertung heranzuziehen." Initiativen auf diesem Gebiet sind bereits angelaufen, die Uni Osnabrück hat sich von Anfang an daran beteiligt. Dazu gehören das HRK-Pilotprojekt "Profilbildung" (1991) und seit 1993 die Ausstattungsvergleichs-Untersuchungen der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). Langfristig müßten, so Prof. Künzel, derartige Daten zentral aufgearbeitet und verwaltet werden, etwa bei der HRK. Weitere Schritte Richtung Leistungsvergleich werden unternommen: Die HRK hat damit begonnen, Verfahren für die Evaluation verschiedener Studienfächer zu entwickeln. Und das Centrum für Hochschulentwicklung arbeitet mit der Stiftung Warentest an einem neuartigen fächerbezogenen Informationsystem.
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